Elio Guerriero: Benedikt XVI. – Leben, Denken und Pontifikat

Elio Guerrieros 2018 im Herder Verlag erschienene Biographie zeichnet den Lebensweg Joseph Ratzingers von seiner bayerischen Kindheit bis zu den Jahren als emeritierter Papst nach. Im Mittelpunkt steht nicht in erster Linie der Kirchenpolitiker, sondern der Theologe, dessen Denken über Jahrzehnte hinweg von denselben Grundfragen bestimmt wurde: Wie können Glaube und Vernunft zusammenwirken? Wie kann die Kirche ihre Überlieferung bewahren und sich zugleich erneuern? Und wie lässt sich christlicher Glaube in einer zunehmend säkularen Welt verständlich vertreten? Das Vorwort von Papst Franziskus unterstreicht dabei die persönliche Verbundenheit mit seinem Vorgänger und dessen Loyalität nach dem Amtsverzicht.

Anzumerken ist, dass es sich nicht um eine rein klassische Biographie handelt, sondern auch eng mit dem kirchlichen Wirken Joseph Ratzingers verbunden ist, sodass teils Längen für solche Leser entstehen, die weniger an Religion und mehr an der reinen Biographie interessiert sind.

Joseph Ratzinger wurde 1927 in Marktl am Inn geboren und wuchs in einer religiös geprägten bayerischen Familie auf. Sein Vater stand dem Nationalsozialismus entschieden ablehnend gegenüber. Die kirchliche Bindung des Elternhauses, die Erfahrung der Diktatur und der Kriegsdienst als Luftwaffenhelfer und Soldat prägten Ratzingers späteres Nachdenken über Gewissen, Wahrheit und persönliche Verantwortung. 1951 wurde er gemeinsam mit seinem Bruder Georg zum Priester geweiht. Nach Promotion und Habilitation begann eine ungewöhnlich schnelle akademische Laufbahn, die ihn unter anderem nach Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg führte. Früh erwarb er den Ruf eines brillanten, sprachlich klaren und zugleich fragenden Theologen.

Als Berater des Kölner Kardinals Josef Frings nahm Ratzinger am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Er unterstützte die Erneuerung der Kirche, die Religionsfreiheit, eine stärkere Mitverantwortung der Bischöfe, die Verwendung der Volkssprachen in der Liturgie und den ökumenischen Dialog. Zugleich verstand er Reform stets als Entwicklung in Kontinuität mit Schrift und Tradition. Die politischen und kirchlichen Auseinandersetzungen seit 1968 verstärkten seine Skepsis gegenüber einer Anpassung des Glaubens an den Zeitgeist. Sein aus Vorlesungen hervorgegangenes Werk „Einführung in das Christentum“ machte ihn international bekannt und zeigt den für ihn charakteristischen Versuch, den Glauben aus seinen Grundlagen heraus vernünftig zu erschließen.

1977 wurde Ratzinger Erzbischof von München und Freising sowie Kardinal, 1981 berief ihn Johannes Paul II. zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. In Rom wurde er zu einem der engsten Mitarbeiter des Papstes. Er verteidigte die Einheit der kirchlichen Lehre, wirkte maßgeblich am Katechismus der Katholischen Kirche mit und setzte sich mit Befreiungstheologie, Ökumene, Sexualmoral und dem Verhältnis von Kirche und moderner Gesellschaft auseinander. Guerriero deutet ihn dabei weniger als strengen „Inquisitor“ denn als Verteidiger des überlieferten Glaubens und der einfachen Gläubigen. Diese Sicht erklärt seine Haltung, nimmt ihr jedoch nicht den konfliktträchtigen Charakter.

Nach dem Tod Johannes Pauls II. wurde Ratzinger 2005 zum Papst gewählt. Mit dem Namen Benedikt XVI. knüpfte er an Benedikt XV. und an den heiligen Benedikt von Nursia an. Sein Pontifikat stellte Liebe, Hoffnung und die Verbindung von Glauben und Vernunft in den Mittelpunkt. Er warb für eine „positive Laizität“, also eine Trennung von Staat und Kirche, die Zusammenarbeit nicht ausschließt, betonte die christlichen Wurzeln Europas und vertiefte den Dialog mit dem Judentum. Zugleich geriet seine Amtsführung mehrfach in schwere Krisen. Die Regensburger Rede, die Wiederzulassung der älteren Form der lateinischen Messe, die Annäherung an die Piusbruderschaft und unzureichend abgestimmte Entscheidungen führten zu erheblichen Kontroversen.

Besonders belastend waren die weltweite Aufdeckung sexuellen Missbrauchs und innerkirchliche Führungsprobleme. Die Biographie hebt hervor, dass Benedikt konsequenter gegen Täter vorging als frühere Verantwortliche und strukturelle Veränderungen einleitete. Zugleich zeigt sie einen Papst, dessen Stärke im theologischen Urteil lag, während Leitung, Personalentscheidungen und öffentliche Kommunikation wiederholt Schwächen offenbarten. Der Verrat vertraulicher Unterlagen im Jahr 2012 machte die Krise der vatikanischen Verwaltung zusätzlich sichtbar.

Am 11. Februar 2013 kündigte Benedikt XVI. wegen nachlassender Kräfte seinen Amtsverzicht an; am 28. Februar endete sein Pontifikat. Als emeritierter Papst blieb er in Rom und versprach seinem Nachfolger Franziskus Treue und Gehorsam. Guerrieros insgesamt wohlwollende Darstellung lässt einen gelehrten, zurückhaltenden und tief gläubigen Mann hervortreten, der Reform nicht als Bruch, sondern als geistige Erneuerung verstand. Der rote Faden seines Lebens ist die Überzeugung, dass Wahrheit und Liebe, Glaube und Vernunft sowie Freiheit und Verantwortung nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Gerade in dieser Spannung liegt die bleibende Bedeutung Benedikts XVI. für Kirche und Theologie.

Das Buch umfasst 587 Seiten Fließtext und ist für rund 38 Euro erhältlich.

Herder, Manuel, Der Papst der Bücher

Manuel Herders Werk porträtiert Joseph Ratzinger nicht nur als Theologen, sondern als „Papst der Bücher“, dessen intellektuelles Vermächtnis besonders in seinen Schriften sichtbar wird. Früh mit dem Herder-Verlag verbunden, trat Ratzinger nicht als klerikaler Machtmensch auf, sondern als feinsinniger Gelehrter mit innerer Milde und tiefer Spiritualität. Seine Werke kreisen um zentrale Themen des Glaubens: Glaube, Hoffnung und Liebe, wobei er stets den Dialog mit Nichtgläubigen suchte und den Glauben als personale Beziehung zu Gott verstand – nicht als abstraktes Dogma.

In den Jesusbüchern, die bereits vor seinem Pontifikat entstanden, interpretiert er die Rolle Jesu neu: als Prophet und Sohn Gottes, der die Verbindung zu Gott neu definiert. Ratzinger betont die innere Autorität Jesu, die sich nicht aus der Institution, sondern aus göttlicher Nähe speist. Er hinterfragt rituelle Fixierungen und verlagert den religiösen Fokus auf die Gemeinschaft der Gläubigen. Seine theologische Tiefe spiegelt sich besonders in der Darstellung von Eucharistie und Opfer wider: Christus wird als letztes Opfer verstanden, das die sakramentale Gemeinschaft stiftet.

Seine großen Reden während des Pontifikats zeugen vom Spannungsfeld zwischen Glaube und Vernunft. Er bekennt sich zur Wissenschaft, fordert jedoch ihre ethische Rahmung. Politik soll dem Recht dienen, nicht der Macht. Besonders markant ist seine Absage an die gewaltsame Missionierung – Glaube kann nur durch Überzeugung wachsen.

Zur Kirche äußert er sich als Verteidiger des Konzils von Vatikan II, das er als Vertiefung, nicht als Bruch mit der Tradition begreift. Seine ökumenischen Impulse zeigen sich in der Anerkennung anderer christlicher Kirchen und dem interreligiösen Dialog. Ratzinger sieht in der Kirche Zuflucht und Orientierung, jedoch auch den Anspruch, sich von weltlichen Zwängen zu entflechten.

Im Kapitel Barmherzigkeit und Rechtfertigung betont er Gottes liebende Zuwendung über die Gerechtigkeit. In der Liturgie erkennt er eine göttlich gestiftete Ordnung, die nicht beliebig verändert werden darf. Politisch sieht er in der Trennung von Kirche und Staat Chancen, verweist aber auch auf Gefahren einer rein säkularen Gesellschaft, insbesondere im Kontext von Sterbehilfe und Werteverlust.

Das Buch zeigt einen Papst, der mehr Denker als Regent war – einer, dessen bleibende Spuren in der Tiefe seiner Theologie und der geistigen Kraft seiner Texte liegen.

Das Buch umfasst insgesamt 328 Seiten Fließtext und ist für ca. 28,00 Euro erhältlich.

Gänswein, Georg, Nichts als die Wahrheit, Freiburg im Breisgau, Herder Verlag, 2023

Das von Georg Gänswein verfasste Buch, hier in der deutschen Übersetzung der italienischen Originalausgabe, spiegelt die Sicht des Autors auf das Leben von Joseph Ratzinger bzw. des späteren Papst Benedikt XVI. wider. In den gute 310 Seiten wird das Leben von Joseph Ratzinger dargestellt, natürlich mit einem besonderen Focus auf seine spätere Tätigkeit als Erzbischof, Kardinal und Papst.

Interessant an dem Werk ist primär die Sichtweise von Gänswein auf den Papst und seine persönlichen Einblicke. Man sollte sich natürlich nicht darüber täuschen, dass der Autor, aufgrund seiner persönlichen Beziehung zum Papst, kein objektives Urteil abgeben kann, was er in dem Werk aber auch nicht zu überdecken versucht. Es klingt immer wieder die Bewunderung für den späteren Papst an, der für Gänswein auch eine Autorität und ein Lehrer gewesen zu sein scheint.

Wenn er sich zu Vorgängen im Pontifikat von Benedikt XVI. äußert, schwingt dieses Vertrauen und eine gewisse Verteidigungshaltung gegenüber dem Papst mit, sodass, rein objektiv, die persönliche Zuneigung und die geschilderten Tatsachen sich nicht immer klar voneinander trennen lassen.

Zwar betont er in dem Werk sehr, dass er sich um einen Ausgleich mit dem Nachfolger Benedikts, Papst Franziskus, bemüht hat, er lässt dabei aber auch immer eine gewisse Differenz und Ferne anklingen.

Die Beschreibung zur Tätigkeit von Joseph Ratzinger in den Glaubenskongregation, der früheren Inquisition, bei der Gänswein und der spätere Papst sich kennenlernten, wie auch die privaten Gespräche und die Beschreibung des Lebens Ratzingers nach seinem Rücktritt als Papst, verschaffen aber angenehme Einblicke, die in dieser Form von einer anderen Person nicht gegeben werden können.

Wenn man bereit ist, sich mit einer gewissen Nähe und Subjektivität des Verfassers abzufinden, ist das Werk ein angenehm zu lesendes Opus, welches historisch Interessierten, und damit nicht nur Katholiken, einen wertvollen Einblick hinter den Schleier des Vatikans bietet.

Gerade auch die Ausführungen zu den Gründen des Rücktrittes von Benedikt XVI. bestätigen, so die Ausführungen im Buch, nochmals die Verlautbarungen, dass er aus gesundheitlichen Gründen vom Amt zurückgetreten ist.

Auch der kurze Exkurs zur Wahl Ratzingers zum Papst ist interessant zu lesen, auch wenn er wenig neues zur Thematik enthält.

Das Buch ist beim Herder-Verlag zum Preis von 28,00 Euro zu erhalten.